Rosa Rúa Nahuelquir und Atilio Curiñanco
Am 23 August 2002 kamen Atilio Curiñanco und Rosa Rúa Nahuelquir in Santa Rosa an, einem Grundstück von 535 Hektar. Sie entflohen der Arbeitslosikeit, den unsicheren Arbeitskonditionen und den fehlenden Möglichkeiten. Fortschritt ist eines der Wörter, welche Atilio immer präsent waren und beide waren überzeugt davon, dass die einzige Möglichkeit, der sozialen Ausgrenzung zu entfliehen darin besteht, zurückzukehren. Zurückzukehren zu dem Ort, an dem sie - Rosa in Cushamen und Atilio en Leleque - aufgewachsen sind und den sie verlassen mussten auf der Suche nach anderen Möglichkeiten.
Am 23. August 2002 kauften sie mit dem Geld, das Rosa als Abfindung nach der Schliessung von Texcom, einer Textilfabrik ausserhalb von Esquel, erhielt, das Notwendigste um zurückzukehren und eine Zukunft gemeinsam mit ihren Kindern und Enkeln aufzubauen. Sie mussten keinen Drahtzaun durchschneiden, um zu dem Grundstück zu gelangen, denn der Zaun lag verrostet auf dem Boden. Die Erde des Grundstückes war bereit, um bearbeitet zu werden. Das Land war so, wie Atilio es immer gesehen hatte, verlassen, genau wie er es aus seiner Kindheit erinnerte. Im strömenden Regen errichteten sie eine provisorische Hütte unter dem Schutz einiger Bäume neben einem kleinen Wasserlauf, die sie vor Regen und Kälte schützen sollte. Sie hatten den Plan, diese Behausung bald aufzugeben und ein Haus aus besseren Materialien zu bauen, um dem rauhen Klima Patagoniens besser standhalten zu können. Sie wollten das Haus bauen, sobald sie mit der Rodung, der Errichtung von Bewässerungskanälen und der Aussaat fertig waren. Eine harte Arbeit, die sie mit Freude bewerkstelligten, da sie zu diesem Land zurückkehrten, einem Grundstück ohne Eigentümer. Im Frühling, vielleicht im Sommer, wenn die Tage wärmer und länger sind, dann wollten sie anfangen zu bauen.
Nur wenige Tage später, am 26. August, kam eine Polizeistreife aus El Maitén vorbei und fragte danach, was sie dort machten. Rosa und Atilio erzählten von ihren Plänen und zeigten ihnen den Beleg der Ankündigung über ihre Niederlassung auf diesem Grundstück, die sie in der Polizeidienststelle in Esquel gemacht hatten. Sie hatten nichts zu verbergen. Sie erklärten auch, dass ein Mitarbeiter des “Instituto Autárquico de Colonización y Fomento Rural IAC” (ein Institut, das die Besiedlung des ländlichen Gebietes fördert) ihnen mündlich versichert habe, dass dieses Land in staatlichem Besitz sei. Die Polizisten fuhren weiter und Rosa und Atilio fuhren mit ihrer Arbeit fort. Am 31. August kamen die Polizisten zurück, um ihnen mitzuteilen, dass sie wegen rechtswidriger Besitznahme durch Ronald McDonald angezeigt wurden. Ronald McDonald ist der Geschäftsführer der “Estancia Leleque”, welche zum Besitz der “Compañía de Tierras Sud Argentino” (CTSA) gehört, welche wiederum Eigentum der “Edizione Holding” und damit Besitz von Benetton ist. Zu dieser Zeit hatten Rosa und Atilio zwar schon von diesem Unternehmen gehört, aber sie wussten nichts über die Macht der famiglia Benetton und sie hatten keine Ahnung, dass für dieselbe die Menschenrechte und die kulturelle Vielfalt nur eine Marketing-Strategie sind. Rosa und Atilio wollten nur auf ihr Land zurückkehren, sonst nichts, sie hatten nie von den “United Colors” gehört. Nach der Mitteilung über die Anzeige lernten sie das Benetton-Imperium ein wenig besser kennen, lernten mehr über seine Grösse, auch wenn ihnen erst im November 2004, auf der Reise nach Italien, das wahre Ausmass dieses Konzerns bewusst wurde. (…)
Der September verging und trotz der Last der Anzeige auf ihrem Rücken fuhren sie weiter mit der Bearbeitung der Erde, bis am 2. Oktober der Räumungsbefehl kam. Der Untersuchungsrichter von Esquel, José Colabelli, ordnete die Räumung als Antwort auf die straf- und zivilrechtliche Anklage des Konzerns an. Es war ein sonniger Vormittag, als die Hütte abgerissen wurde, Werkzeug und Tiere konfisziert und nach El Maitén gebracht wurden. Der Traum von Rosa und Atilio wurde zum Alptraum. Nun zeigten die Brüder Carlo und Luciano Benetton aus Treviso ihr wahres Gesicht. Aber die Zeit der Mobilisierung, des Sitzstreikes in der Zufahrt zur Estancia, der Strassenblockaden, des Mapuche-Parlamentes, der Solidarität, der Hoffnung, aber auch der Angst würde kommen. Doch durch die Adern des Ehepaares floss die Kraft der Mapuche. Auch die Zeit der Medien würde kommen: Das Mapuche-Ehepaar erschien nicht nur in der argentinischen Presse. Die Gesichter von Rosa und Atilio, die bestimmt für eine der bekannten Werbungen von Olivero Toscani – dem Star-Publizisten von Benetton – geeignet gewesen wären, erschienen in verschiedenen Medien weltweit. Doch so schnell sie erschienen, verschwanden sie auch wieder in die Anonymität.
So verging die Zeit bis zum Mai 2004. Rosa und Atilio waren ursprünglich nach Santa Rosa gegangen, in der Überzeugung, dass dieses Land Staatsgut sei, mehr noch Territorium der Mapuche. Doch das IAC widerrief diese mündliche Auskunft. In dieser Zeit verlor Atilio seine Arbeit bei der Kältemittelfabrik in Esquel, so dass die Familie nicht einmal mit einem sicheren Einkommen rechnen konnte. Doch sie gaben nicht auf und hielten sich an der Hoffnung, eines Tages zurückzukehren, fest.
Am 6. Mai wurde dem Richter Colabelli durch einen politischen Prozess das Amt entzogen. Er hatte im März 2003 gegen das Reglement verstossen, indem er die Räumung des Wohnsitzes der Mapuche-Familie Fermín in der Gemeinschaft “Vuelta del Río” angeordnet hatte. Dies schien ein gutes Zeichen; der “Lieblingsricher der Mächtigen” - so wurde er von den Leuten genannt - fiel in Ungnade. An diesem Abend erklangen die Trutrukas und Pifilkas (Instrumente der Mapuche) in Rawson, dem Ort, an dem das Urteil verkündet wurde. Es entstand eine Euphorie, trotz der Gewissheit, dass der Prozess gegen die “Compañía de Tierras Sud Argentino” (CTSA) ein harter Streit sein würde und die Gerechtigkeit nicht gerade Freundin der Mapuche ist. Zudem hatte das Gremium der Landbesitzer bereits zwei Mal durch die lokale Presse angekündigt, dass sie nicht dazu bereit sind, ein Urteil zu Gunsten von Curiñanco - Rúa Nahuelquir zu akzeptieren. Die erste Ankündigung geschah durch die “Sociedad Rural” von Esquel (ein Verband von Landbesitzern) im Oktober 2002 und die zweite durch die “Sociedades Rurales” (Verbände von Landbesitzern) der Provinz Chubut im Mai 2004.
Das Urteil fiel zu gunsten der CTSA aus, aber die Strafanzeige fruchtete nicht, weil es keine Beweise für die rechtswidrige Besitznahme gab. Aber das Ziel dieser Aktion war es auch nicht, Atilio und Rosa ins Gefängnis zu bringen, sondern ihre sofortige Vertreibung von dem Grundstück zu erreichen. Eine effektive Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe wäre wie ein “Rettungsring aus Blei” für das Ansehen des Konzerns gewesen, das wegen dem Gerichtsprozess sonst schon genug durch die Medien angegriffen wurde. Wichtig für den Konzern war der positive Ausgang der Zivilklage, um das in Frage gestellte Eigentum der CTSA zu festigen.
Gleich darauf kündigte die CTSA Investitionen in verschiedene Projekte zum Wohl der Gemeinschaft in der Provinz an, um die lokalen Politiker zu beruhigen. Diese Ankündigung wurde gross durch den Statthalter der Provinz, Mario Das Neves, gefeiert. Ausserdem fand eine Schenkung von Feuerholz an das Dorf El Maitén, das wie eine Insel umgeben vom Besitz der CTSA liegt, statt, die dankbar durch den Bürgermeister Oscar Currilén empfangen wurde. Das alles, um die “Farben zu vereinen” (United Colors) und zu garantieren, dass sie schön glänzen.
Später kam es durch die Vermittlung des Friedensnobelpreisträgers Adolfo Pérez Esquivel zu der Vereinbarung eines Treffens in Italien im November 2004. Es kam zu einem Kapitel aus gegenseitigen Anklagen und leeren Versprechungen: Die Reise einer Mapuche-Delegation, eine unbefriedigende Zusammenkunft in Rom mit Luciano Benetton - il cappo di tutti cappi -, eine Schenkung von ungewissen 2’500 Hektar, die argentinische Diplomatie mit ihrem Ziel, die Fortdauer des Konzerns in Patagonien zu gewährleisten, Kritik gegen die Vermittler.
Es folgten die Rückkehr, viel Lärm, die Schenkungen von unfruchtbarem Land Ende 2005, die Infobriefe von Atilio und Rosa und eine weitere Reise einer anderen Mapuche-Delegation nach Italien im November und Dezember 2006. Santa Rosa im Februar 2007: Jetzt ist es nicht mehr das Unternehmen eines Ehepaares, sondern die Forderung eines ganzen Volkes.
Von Hernán Scandizzo, Indymedia.org
Verwandte Links (auf spanisch)
- Transkription des Plädoyers von Dr. Gustavo Macayo
- Benetton vs. Mapuche: die Frage nach dem Land - Sebastián Hacher, La Haine
- Benetton gegen Mapuche – Red Latina sin Fronteras
- Die Schaffarmen von Benetton übernahmen die Kontrolle über das Land der Mapuche in Patagonien – Sebastián Hacher
- Benetton vs. Curiñanco (Informationen aus den lokalen Medien) – www.mapuche.info

